Prof. Birgit Weller ist am 18. April 2021 im Alter von nur 60 Jahren verstorben. Ein Nachruf auf die langjährige Vorständin des IDZ, Hochschullehrerin und Industrial Designerin, die Generationen von Design-Studierenden inspirierte.


Von Karsten Henze.

Angst vor starken Farben hatte Birgit Weller nie. Doch lag es ganz sicher nicht allein an ihrem Faible für bunte Schals und farbenfröhliche Outfits – ihrem „trademark movie-star look“, wie es eine indische Kollegin liebevoll beschrieb – dass sie wahrgenommen wurde, dass jedes Gespräch mit ihr eine Bereicherung war. Es war ihre ganz besondere Mischung aus selbstbewusster Expertise, professioneller Haltung, unbändiger Neugier auf Menschen und ihrem strahlenden Lächeln, mit der sie stets beeindruckte.

Die Anfänge

Eigentlich wollte Birgit Weller Architektur studieren. Doch schon während des Studiums an der Kunsthochschule Weißensee begann sie, sich mit industrieller Formgestaltung auseinanderzusetzen und wechselte kurzerhand die Disziplin. Das war zwar nicht ganz unkompliziert, wie sie später einräumen sollte, doch sie war „maßlos fasziniert“ – und dadurch einfach nicht zu bremsen. Bereits während ihres Studiums erlebte sie die Vorteile praxisnaher Ausbildung, für die sie auch später in ihrem beruflichen Leben immer eintrat. In Zusammenarbeit mit dem VEB Lokomotivbau Elektrische Werke „Hans Beimler“ (LEW) in Hennigsdorf konnte sie bereits als Studierende an der Gestaltung der Metro in Bratislava oder der Entwicklung unterschiedlicher S-Bahn-Konzepte mitwirken. Was für Möglichkeiten, die eigenen Talente so früh in realen Projekten ausprobieren zu können. Und sie brachten ihr Erfolg: 1985 erhielt Birgit Weller das Angebot, direkt nach ihrem Diplom in Hennigsdorf anzufangen.

User Experience – dieses Wort kannte man noch nicht, als sie mit gerade mal 24 Jahren die Aufgabe erhielt, den Fahrerarbeitsplatz für die damals neue Berliner S-Bahn zu gestalten. Als junge Designerin in einem Unternehmen für Schwermaschinenbau gehörte es für sie allerdings zur eigenen „Experience“, dass sie sich durchsetzen muss, dass sich dieser Kampf aber lohnt. Auch das sollte sie für ihr berufliches Leben prägen. Das Thema der Arbeitsplatzgestaltung hatte in der DDR Tradition, doch die Herangehensweise, die sie und ihr Team wählten, war neu. Heute würde man es einen human-centered Designprozess nennen: Die frühe Einbeziehung der Fahrer als eigentliche Nutzer, das Arbeiten in iterativen Phasen und das Erproben über verschiedene Modelle führten zu spannenden, neuartigen Lösungen. Ihre erste gestalterische Projektleitung übernahm sie anschließend bei der Entwicklung der ersten Zuggeneration für die Metro Shanghai. Und sie lernte dabei nicht nur, sich mit den Lebensbedingungen eines damals für sie unerreichbaren Landes auseinanderzusetzen, sondern auch, wie bereichernd eine Zusammenarbeit über Grenzen hinweg sein kann. Auch das sollte eine prägende Erfahrung für sie werden.

Hochschule und Selbstständigkeit

Neugier war immer ein starker Antrieb, und so verwundert es nicht, dass sie 1990 die – mittlerweile in die AEG aufgegangene – LEW verließ, um neue Erfahrungen zu sammeln. Ihr Weg führte sie schließlich an die FH Hannover, wo sie 1994 einen Ruf als Professorin für Industrial Design annahm. Als Mitgründerin und Vorstand der Mart Stam Gesellschaft etablierte sie zeitgleich den gemeinnützigen Förderverein der Weißensee Kunsthochschule – ihrer Alma Mater, die sie so sehr geprägt hatte.

Ihr internationales Netzwerk baute sie in den Folgejahren zielstrebig aus: als Referentin, Leiterin von Workshops, Jurymitglied oder Gastprofessorin u.a. in Indien, Frankreich, Finnland oder China. Ihre Studierenden profitierten davon ebenso, wie von ihren vielen Kontakten zu Industrie und Mittelstand, aus denen häufig Hochschulprojekte resultierten. Praxisnähe und die Arbeit am und für den Menschen waren die Leitmotive ihrer Lehrtätigkeit, deren Schwerpunkte sich von Mobilitätsthemen bis zum Universal Design erstreckten. Das im Jahr 2011 veröffentlichte Buch „Du Tarzan, ich Jane“, das sie als Hochschullehrerin gemeinsam mit Katharina Krämer veröffentlichte, setzte sich schon früh mit den Stereotypen vermeintlich gender-typischer Produkte und ihrer Vermarktung auseinander.

In ihre Zeit in Hannover fiel auch der Beginn der Zusammenarbeit mit dem National Institut of Design India (NID), mit dem sie bis zuletzt u.a. das Thema Universal Design Thinking im interkulturellen Kontext vorantrieb. Ich erinnere mich noch gut daran, wie sehr mich die Professionalität und Kreativität vor allem der Studierenden des NID beeindruckte, als ich 2011 im Rahmen eines Forschungsprojekts für die Deutsche Bahn mit Birgit Weller und der FH Hannover zusammenarbeitete.

2012 wurde sie Mitgründerin des Studiengangs Industrial Design an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) und wechselte als Professorin nach Berlin. Diesen Studiengang zu entwickeln und wachsen zu sehen, erfüllte sie sichtbar mit Freude, und ihre Leidenschaft vermittelte sich auch ihren Studierenden. Neben ihren Forschungs- und Lehrschwerpunkten wie Entwurfsmethodik und Universal Design Thinking hatte sie bis zuletzt noch die Entwicklung des neuen Design-Masterprogramms „System Design“ etabliert. Daneben trieb sie – gemeinsam mit ihrer Schwester und langjährigen Dekanin des Fachbereichs, Prof. Katrin Hinz – unermüdlich die internationale Zusammenarbeit der Hochschule voran. Beiden war der intensive und vor allem menschliche Austausch mit den indischen Kollegen des NID eine Herzensangelegenheit.

Fantasievoll bodenständig: Es war diese besondere Mischung aus Pragmatismus und Ideenreichtum, die die Zusammenarbeit und den Austausch mit Birgit Weller inspirierend und gleichzeitig so herrlich unkompliziert machte. Das galt nicht nur für unseren Austausch im IDZ. Als ehemaliger Lehrbeauftragter an der HTW und Mitglied des Fachbeirats Industrial Design habe ich sie auch als Kollegin sehr zu schätzen gelernt.

Doch nicht allein die Lehre oder der kulturübergreifende Austausch zwischen namhaften Hochschulen beschäftigte sie. Nie verlor sie den Kontakt zur Praxis. Auch hier war es ihr wichtig, international vernetzt zu sein, um weltweit agierende Unternehmen im Bereich von Transportation-, Investitions- und Konsumgüterdesign strategisch beraten zu können, unter anderem seit 2005 im internationalen Netzwerk INAREA.

Das IDZ

Mitglied wurde Birgit Weller 2001, doch war sie dem IDZ bereits seit Studienzeiten verbunden. Neugierig gemacht hatten sie zunächst unsere Publikationen, nach dem Fall der Mauer hat sie dann schnell den persönlichen Kontakt gesucht. Am IDZ schätzte sie nicht nur die Möglichkeit, ausgezeichnete Veranstaltungen besuchen zu können – es war die inhaltliche Arbeit und die Chance zu inspirierenden Diskussionen, die Birgit Weller reizten. Im IDZ fand sie dieses Angebot. Schon ein Jahr nach ihrem Eintritt wurde sie in den Vorstand gewählt, in dem sich in dieser Zeit ein Generationenwechsel vollzog. Es war eine Auf- und Umbruchsphase im IDZ, das seit dem Auslaufen der institutionellen Förderung durch den Berliner Senat vor großen Herausforderungen stand. Es sollten turbulente Jahre folgen mit strukturellen und personellen Veränderungen sowie mehreren Umzügen. Vor allem aber war es eine Phase intensiver und inspirierender Arbeit im Vorstand, mit frischen Ideen und lebendigen Diskussionen vor oft nicht einfachen Entscheidungen. Wir erkannten schnell, dass wir viele Dinge ähnlich sahen, so unterschiedlich unsere Hintergründe auch waren. Es gab eine gemeinsame Wellenlänge, die uns exzellent zusammenarbeiten ließ. Vier Jahre war sie in dieser Zeit als Stellvertretende Vorstandsvorsitzende tätig, wofür ich ihr persönlich noch heute sehr dankbar bin. 2019 entschied sie für sich, nicht mehr kandidieren zu wollen. Wie wir jetzt wissen, aus guten Gründen.

Birgit Weller starb am 18. April 2021 im Alter von nur 60 Jahren. Das IDZ verdankt ihr sehr viel. Wir verlieren mit ihr eine große Persönlichkeit, inspirierende Designerin und eine gute Freundin.

Sie wird uns sehr fehlen.


In eigenen Worten

Zum 50. Jubiläum des IDZ initiierte Prof. Birgit Weller das Projekt „Design im Fokus“, das von ihren Design-Studierenden der HTW realisiert wurde. Das sehr lesenswerte Interview, das sie in diesem Zusammenhang gegeben hat, finden Sie hier.


Herzlichen Dank an das Design Center Baden Württemberg für die freundliche Erlaubnis, das obenstehende Foto zu verwenden.

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Das IDZ



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IDZ Mitglieder

stellen sich vor


Anfang 2020 haben wir begonnen, in unserem monatlichen Newsletter ein IDZ-Mitglied des Monats vorzustellen.

Wir haben inzwischen vier dieser Beiträge auf der Website gesammelt, und hoffen, mit der Zeit einen interessanten Einblick in unsere Mitgliederstruktur zu geben.


50 Jahre IDZ

Design im Fokus


Anlässlich des 50. Jubiläums des IDZ haben Designstudierende der HTW Berlin Interviews mit Wegbegleitern des IDZ und führenden Persönlichkeiten aus Design und Gesellschaft geführt.

Dabei haben sie u.a. Designerinnen und Designer verschiedener Generationen nach der Rolle von Design und ihrer Vision für die Zukunft befragt.