Nachhaltigkeit, »Circular Fashion«, Digitalisierung und Mass Customization – die Modeindustrie verändert sich rasant. Designer streben nach neuen Produktionsmethoden und Kooperationen, die Kommunikations- und Absatzwege verkürzen, um auf die Forderungen des Marktes zu reagieren und mehr Transparenz zu erreichen.


Um diese Entwicklung zu fördern, hat das Internationale Design Zentrum Berlin ein Netzwerkprojekt initiiert, das in Berlin ansässige Modedesigner mit polnischen Produktionsfirmen und Dienstleistern in Kontakt bringt. Das Programm, das am 26.-27. Oktober 2017 mit einer B2B-Kontaktbörse für Modedesigner und Produzenten im Kunstgewerbemuseum fortgesetzt wird, hat bereits zu einer Reihe von erfolgreichen Kooperationen geführt.



Was sind die Vorteile und Herausforderungen bei einer Produktion in Europa? Wie hält man mit den aktuellen Entwicklungen und Marktveränderungen Schritt? Marte Hentschel, Gründerin und Geschäftsführerin des Modenetzwerks Sourcebook sprach mit Marita Jablonski (Good Garment Collective), Victor Koshevsky (Dynalian and Poge Industries), Julia Leifert (Philomena Zanetti) and Grzegorz Słupianek (Art Dress) über ihre Erfahrungen und die Zukunft von Modedesign und -produktion.

Marita, deine Agentur »Good Garment Collective« hat viel Erfahrung bei der Zusammenarbeit mit Produzenten in Polen. Was sind aus deiner Sicht die Chancen und Herausforderungen einer transnationalen Zusammenarbeit in der Modeindustrie?


Marita Jablonski: Ein riesen Vorteil bei der Zusammenarbeit mit polnischen Unternehmen im Vergleich zur Produktion in Fernost ist die kurze Distanz. Man kann Produktionsprozesse beschleunigen und flexibler reagieren, weil die Kommunikationswege so kurz sind. Aber Sprachbarrieren sind immer noch eine Herausforderung für die transnationale Produktion. Mit Greg oder Victor können wir Deutsch reden, aber nicht alle im Unternehmen sprechen Englisch oder Deutsch. Verständigung ist daher ein Thema und man kann nicht mit allen direkt sprechen.

Julia, deine Modekollektion wird nachhaltig produziert. Worauf achtest du bei der Suche nach Produktionspartnern?


Julia Leifert: Wir wählen unsere Partner nach Qualität aus und danach, wie sie die Kleidung produzieren. Wir haben sehr genaue Labelstandards. Transparenz ist für uns und unsere Kunden am allerwichtigsten. Unsere Produktionspartner müssen zu unserem Konzept, der Philosophie und unserer Idee von Produktion passen.

Das ist also zum Beispiel wichtiger als der Preis.


Julia Leifert: Absolut! Für uns ist Nachhaltigkeit mehr als nur die Verwendung von ökologisch produzierten Stoffen. Es bedeutet, dass die Menschen gut behandelt und fair bezahlt werden –was sie dazu in die Lage versetzt, ihre Arbeit gut zu machen. Wir haben unsere Geschäftspartner besucht, wir wissen, wie sie produzieren, wo ihre Kleidung herkommt und wie die Mitarbeiter behandelt werden.

Victor Koshevsky: Ich kann bestätigen, dass das ein starker Trend ist. Der Markt verlangt nach mehr Transparenz, da nachhaltige Produktion an Bedeutung gewinnt. Wir hatten Besuch von mehreren Designern, die sich unsere Werke angesehen und sehr spezifische Fragen gestellt haben, wie z.B. »Wie entsorgen Sie Ihren Müll? Was ist mit Recycling? Woher kommt Ihr Wasser? Wie verstehen Sie Ihre soziale Verantwortung?« Sie haben sich sogar mit unseren Näherinnen unterhalten und Leute befragt, die bei uns arbeiten. Es ist heute entscheidend, Nachhaltigkeit nachzuweisen. Entweder man passt sich an oder verliert Aufträge.

Victor, dein Unternehmen hat außerdem auch auf eine andere Forderung des Marktes reagiert. Ihr nehmt nicht nur Aufträge für mittlere und große Produktionen an, sondern auch für kleine Mengen. Das ist sehr ungewöhnlich. Es scheint eine der größten Herausforderungen für Design-Startups zu sein, Produzenten zu finden, die bereit sind, auch kleine Stückzahlen zu produzieren. Wie ist es, mit kleinen Labels zusammenzuarbeiten und was sind die Herausforderungen und Chancen?


Victor Koshevsky: Das ist in der Tat eine große Herausforderung. Bei der letzten Netzwerkveranstaltung von Berlin Poland haben wir beschlossen, die Produktion ohne minimale Bestellmenge anzubieten. Das eröffnet einen großen Markt, aber du musst dein Unternehmen andererseits auch neu erfinden, damit es funktioniert. Vor allem im Hinblick auf Personal ist es extrem zeitintensiv. Junge Designer und Startups haben wenig Erfahrung, sie brauchen Beratung. Es geht mehr um Dienstleistung als um Fertigungsmöglichkeiten. Zumindest das Management und die Leute aus der Kundenbetreuung müssen Englisch und Deutsch sprechen, um sich mit den Kunden verständigen zu können. Das war die größte Herausforderung: Leute zu finden, die alle drei Sprachen sprechen und wenigstens ein bisschen Erfahrung in der Textilindustrie haben. Außerdem mussten wir lernen, unsere Kunden auszuwählen, Projekte zu planen und zu terminieren. Nach der Berlin Poland Veranstaltung war die Produktionsnachfrage riesig und überstieg unsere Kapazitäten.


»Wir werden nicht produzieren, um die Lagerbestände zu füllen, von denen letztlich nur ein Teil verkauft wird. Wir werden nur das produzieren, was wir auch verkaufen können.«

Marita Jablonski



Lasst uns über die Zukunft der Modeindustrie sprechen. Wenn wir an Digitalisierung, Automatisierung, Omnichannel, aber auch den neuen Fokus auf Kunden- und Markenerfahrung denken, sehen wir in der Branche viele Veränderungen. Wo liegen aus eurer Sicht die größten Potentiale?

Victor Koshevsky: Für mich sind es vor allem zwei Dinge. Die Zukunft der Bekleidungsindustrie ist definitiv der Omnichannel-Vertrieb – nicht nur in Berlin, sondern weltweit. Und das andere ist maßgeschneiderte Kleidung über das Internet. Das ist gerade ein großer Trend, vor allem in der US-amerikanischen Modewelt, und ich glaube, dass es in ein paar Jahren den Markt erobern wird.

Marita Jablonski: Ich denke, dass sich die Produktion ändern wird. Wir werden nicht produzieren, um die Lagerbestände zu füllen, von denen letztlich nur ein Teil verkauft wird. Wir werden nur das produzieren, was wir auch verkaufen können. Aus ökologischer Sicht ist das sehr sinnvoll. Wir haben bereits die Maschinen und die Mustersoftware, aber die Arbeitsabläufe existieren noch nicht. Das wird etwas dauern. Wir werden zuerst den Anstieg von kleineren Stückzahlen beobachten und dann immer mehr individualisierte, kundenindividuelle Produkte auf dem Markt vorfinden.

Greg, würdest Du diesen Prognosen zustimmen?


Grzegorz Słupianek: Einigen schon. Ich glaube nicht daran, dass wir in nächster Zeit technisch dazu in der Lage sein werden, traditionelles Schneidern zu ersetzen. Aber die Zukunft gehört definitiv der Mass Customization. Dank der vielen digitalen Verkaufskanäle haben wir bereits alles, was wir brauchen. Designer und Labels können mehr über ihre Kunden lernen, ihre Daten analysieren und nutzen, um sie zielgerichteter anzusprechen. Im Vergleich zu den Vertriebsketten im Großhandel bietet der Verkauf übers Internet größere Profitmargen für Modelabels und Designer.

Julia, dein Label ist eine aufstrebende Marke im Premiumbereich. Was bedeutet es für deine Arbeit, wenn mehr und mehr Produzenten bereit sind, mit kleineren Produktionszahlen zu arbeiten? Würde es dir helfen, wenn du kleinere Stückzahlen produzieren könntest, vielleicht auch den Zwischenhändler nicht mehr bräuchtest und direkt an deine Kunden verkaufen könntest?


Julia Leifert: Auf jeden Fall. Es ist wichtig, Partner zu haben, die in kurzer Zeit kleine Stückzahlen produzieren können, weil wir nicht die finanziellen Ressourcen für ein großes Lager haben. Wir verkaufen bisher nur online und haben nicht viel Platz.


»Der Markt hat sich extrem verändert. Es geht mehr um Kooperation, als um Konkurrenz.«

Victor Koshevsky



Dank Entwicklungen wie Mass Customization, Nachhaltigkeit und fairer Produktion können wir eine Wiederbelebung der Produktion in Mitteleuropa beobachten. Welche Unterstützung wäre hilfreich, um die transnationale Zusammenarbeit auszubauen und zu professionalisieren?


Julia Leifert: Es ist großartig, dass wir die Möglichkeit haben, uns einmal im Jahr bei einem Panel, einer Plattform- oder Netzwerkveranstaltung zu treffen, bei der die Leute ihre Erfahrungen austauschen können.

Grzegorz Słupianek: Solche Matchmaking-Veranstaltungen wie das Berlin Poland B2B-Programm sind eine tolle Möglichkeit, um potentielle ausländische Geschäftspartner zu treffen. Beim letzten Treffen haben wir zum Beispiel acht Personen kennengelernt, mit denen wir anschließend Geschäfte gemacht haben.

Victor Koshevsky: Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen. Mein Vorschlag wäre es, ein Netzwerk von kooperierenden Produzenten in Polen und Osteuropa aufzubauen. Mein Team bekommt viele Anfragen mit Sonderwünschen, die wir selbst nicht herstellen können. Manchmal haben wir Schwierigkeiten, jemanden zu finden, der das an unserer Stelle übernehmen könnte. Ein Netzwerk, in dem man sich gegenseitig hilft, würde das vereinfachen. Meiner Meinung nach gibt es außerdem einen Bedarf an regelmäßigen Treffen mit Produzenten, Designern und Labels, um Erfahrungen auszutauschen und darauf aufzubauen. Der Markt hat sich extrem verändert. Es geht mehr um Kooperation, als um Konkurrenz.

Grzegorz Słupianek: Ich denke, dass unsere Wirtschaft nicht begrenzt ist und dass es genug für alle gibt. Ich glaube wirklich daran, dass wir umso mehr erreichen, je mehr wir uns gegenseitig helfen, und dass alle davon profitieren. Es ist eine großartige Idee, einmal im Jahr zusammenzukommen und eine Kompetenzplattform aufzubauen. Gemeinsam sind wir stärker, als es jeder von uns alleine sein könnte.

Marita Jablonski: Ich stimme völlig zu. Es ist unser täglich Brot, Wissen zu teilen und wir profitieren von Zulieferern, Designern und Produzenten, die ihre Erfahrung und Expertise mit uns teilen. Dabei gewinnen alle.

Aus dem Englischen von Dorothea Traupe

Die nächste B2B-Kontakbörse findet am 26.-27. Oktober 2017 im Kunstgewerbemuseum statt. Modelabels und Designer aus Berlin sind herzlich eingeladen. Die Anmeldung ist noch bis zum 15.10.2017 möglich: berlinpoland.eu





Victor Koshevsky

Direktor von Dynalian und Poge Industries


Victor Koshevsky ist Direktor von Dynalian, einem New Yorker Full-Service-Unternehmen in der Bekleidungsindustrie sowie Poge Industries, einem Bekleidungsproduzenten und Dienstleistungsunternehmen aus Polen. Der Familienbetrieb wurde von Victor Koshevskys Onkel in den späten 1980er Jahren gegründet und bietet verschiedene Dienstleistungen an: von Produktionen mit kleiner und großer Stückzahl bis hin zu Omnichannel-Verkauf und Vertrieb.


Julia Leifert

CEO & Gründerin von Philomena Zanetti


Julia Leifert ist Geschäftsführerin und Gründerin von Philomena Zanetti, einer nachhaltigen Luxusmarke für Frauenbekleidung aus Berlin. Die Kollektionen des jungen Labels waren drei Mal hintereinander bei der Mercedes-Benz FashionWeek in Berlin zu sehen, sie wurden außerdem in New York und Paris vorgestellt. Vor kurzem hat Philomena Zanetti den Nachhaltigkeitspreis des Fashion Council Germany gewonnen.


Grzegorz Słupianek

CEO & Produktionsmanager von Art Dress


Grzegorz Słupianek betreibt Art Dress, eine Modeagentur samt Studio. Das Unternehmen bietet seit fast 30 Jahren Modeherstellung für Marken aus der ganzen Welt an. Von Musterexemplaren, über Muster bis hin zu Beratung und zur Produktion von Kleidung. Bereits von Kindheitstagen an, ist Grzegorz Słupianek in das Familienunternehmen hineingewachsen und in allen Bereichen tätig gewesen.


Marita Jablonski

CEO von Good Garment Collective


Marita Jablonski ist Geschäftsführerin von Good Garment Collective, einer in Berlin ansässigen Entwicklungs- und Produktionsagentur für Mode-Startups und etablierte Labels mit Komplettservice. Good Garment Collective bietet Dienstleistungen im Bereich von Produktentwicklung und Bekleidungsproduktion wie Stoffbeschaffung, Musterfertigung, Digitalisierung von Schnittmustern oder Produktionsmanagement an. GGC berät Kunden während des Produktionsprozesses und unterstützt sie bei der Suche nach Produzenten.

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